Mittelpunkt Mensch - Magazinbeiträge

MITTELPUNKT MENSCH
MITTELPUNKT MENSCH
MITTELPUNKT MENSCH
     

Alpha Entertainment produziert Beiträge für Magazine wie etwa SAM und MAX (ProSieben). In den Beiträgen geht es zum Beispiel um menschliche Schicksale ("Heldentod im Rhein"), um vergessene Schlagzeilen ("Wer hilft den Helfern? - ein Jahr nach dem Eisenbahnunglück in Brühl"), um alternative Hilfsangebote ("Zauberei auf der Krebsstation - Moderator Franklin auf Tour mit Helping Hands") oder unkonventionelle Therapien ("Wutbrocken und Zornziegel - Trauerarbeit mit Kindern" - ausgestrahlt im WDR).

Beitrag "Wer hilft den Helfern?"

Das Bahnunglück in Brühl bei Köln liegt nun ein Jahr zurück. 841 Helfer waren im Einsatz, um über 170 Verletzte zu bergen. Was in der tagesaktuellen Berichterstattung meist untergeht, wird in der späten Untersuchung des Rettungsablaufs immer deutlicher: Die Retter von Feuerwehr und Hilfsdiensten waren in dieser Nacht grausamen Bildern ausgesetzt, die sie bis heute verfolgen und ihr Leben nachhaltig verändert haben. Der Beitrag über das Schicksal der Helfer ist hier in exklusiver Länge zu sehen.

Zur Erinnerung: Der D-Zug 203 Amsterdam-Basel verlässt am 05.02.2000 pünktlich um 23.58 Uhr den Kölner Bahnhof in Richtung Bonn. Im Güterbahnhof Brühl verringert der Zug seine Geschwindigkeit wegen einer Baustelle auf 40 km/h. Dann folgt der Personenbahnhof Brühl. Auch hier sollte der Zug noch mit geringer Geschwindigkeit fahren. Doch der Nachtzug wird immer schneller. Eine automatische Zwangsbremsung erfolgt nicht. Mit 122 km/h entgleist der D-Zug an der Weiche 48, wo er eigentlich auf das Ausweichgleis 3 geleitet werden sollte. Die 80 Tonnen schwere Lokomotive rast in ein Wohnhaus. Die zwei nachfolgenden Wagons krachen - teilweise in Schräglage - vom Bahndamm in den Garten. Der Dritte und vierte Wagon drehen sich halb um ihre Achse und kommen quer zur Fahrtrichtung im Bahnhof zum Stehen. Bahnsteig und Dachstützen werden dabei zerstört. Das Bahnsteigdach wird meterweit aufgerissen. Fünf weitere Wagons rutschen wie die ersten zuerst aus den Schienen und dann in die Gärten der angrenzenden Häuser.

Um 0.15 erreichen die ersten Notrufe die Feuerwehr. Schon um 0.18 Uhr treffen die ersten Rettungsfahrzeuge am Bahnhof ein. Um 0.28 Uhr trifft der Leitende Notarzt ein. Es wird geschätzt, dass etwa ein Drittel der Passagiere verletzt ist. Um 0.31 Uhr wird die Gaststätte "Brauhaus" zur "Verletztenablage 1" umfunktioniert. Die Besatzungen der ersten Rettungsfahrzeuge betreuen die Schwerverletzten.

Die zweite Welle der Retter trifft um ca. 1.00 Uhr am Unfallort ein. Sie stammen aus dem benachbarten Rhein-Sieg-Kreis. Sie sind zuständig für den Einsatzbereich Ost, wo die zweite Verletztenablage "Inselweiher" entsteht. Um 1.24 Uhr, etwas mehr als eine Stunde nach dem Unfall, steht ein Behandlungsplatz auf der Wiese des rund hundert Meter entfernten Schlosses Augustusberg zur Verfügung. Im Laufe der Nacht wird das Ausmaß der Katastrophe deutlich: 8 Tote, 9 schwer Verletzte, 11 mittel- bis schwer Verletzte und 117 leicht Verletzte. Einer der Schwerverletzten stirbt später im Krankenhaus.

Die Statistik verrät wenig über das Einzelschicksal. Selbst die späteren Einsatzberichte der Feuerwehr sind nicht frei von den furchtbaren Eindrücke, die sich den Rettern boten. Je nach Einsatzabschnitt sahen die Retter unterschiedliche Bilder des Grauens. Es ist nicht so sehr die Zerstörung des Materials, das Ausmaß der Trümmer, die beeindruckt, sondern die Verstümmelung der Opfer. Die meisten der schwerer Verletzten sind eingeklemmt. Ihre Gliedmaßen stecken zwischen den Metalltrümmern fest oder liegen abgetrennt umher. Viele weisen zusätzlich ein Schädel-Hirn-Trauma auf. Andere Passagiere werden mit stark blutenden Verletzungen des Brust- und Bauchraums gefunden. Auch leichter Verletzte verfügen über stark blutende Schnittwunden. Den Helfern bietet sich - anders als bei einem normalen Hausbrand - ein weites Feld grausamer Verletzungen der Opfer. Die meisten Toten und Schwerverletzten befinden sich in den Wagons 2, 3 und 4. Erste Helfer kommen durch die ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogene Unterführung des Bahnhofs auf die trümmerübersäten Bahnsteige. Hier treffen sie auf blutüberströmte Opfer.

Teilweise haben diese sich selbst befreien können, teilweise wurde ihnen durch Anwohner geholfen. Die tiefer liegenden Wagons sind wegen der Dunkelheit und den Trümmern noch nicht gleich erreichbar. Der erste Wagon, der geöffnet wird, ist der dritte. Hier hängt ein kopfüber eingeklemmter Passagier, an dessen Rumpf und Kopf man nicht herankommt. Durch Berührung seiner Beine kann aber festgestellt werden, dass er noch lebt. Allein die Bergung dieses Reisenden dauert über eine Stunde.

Trotz tadelloser Einsatzdurchführung gehen die Feuerwehrmänner nicht wie sonst nach einer Rettungsaktion nach Hause. Unfälle von Massenverkehrsmitteln, zudem Bahnunfälle, gehören zu den am stärksten traumatisierenden Erlebnissen. Die Notfallseelsorger aus Köln und Brühl machten rund um die Uhr Einsätze. Rund 300 Retter nahmen an 26 Nachsorgegesprächen, so genannten De-Briefings teil. Doch von ihnen leiden noch heute vier Feuerwehrmänner so stark unter ihren Erinnerungen, dass sie schwere psychische Krankheitssymptome zeigen. Sie äußern sich in Aggression, Depression, unstrukturiertem Handeln. In unserem Filmbericht haben wir versucht, dass Unfallgeschehen aus der Sicht der Retter zu rekonstruieren.

Wir sprachen mit Mitgliedern der Feuerwehr, um sie nach ihren Erlebnissen und Ängsten zu befragen, die sich so tief in ihre Seele einbrannten. Ein Notfallseelsorger berichtet über den Einsatz und die Notwendigkeit einer umfangreichen Nachsorge.